Dienstag, 1. Juli 2008

Weltsekunden

Auf diesem Foto sind sie nicht zu sehen, doch am südlichsten Strand Mallorcas , der Platja de es Caragol, türmen sich Tonnen schwarzen Seetangs. Zum Land hin bewachen Bunkerruinen die triste Szenerie. Es gibt keine Aufsicht und nur ein knappes Dutzend Badender, denn man braucht vom Parkplatz am Kap Ses Salines aus eine gute halbe Stunde Fußmarsch bis hierher. Heute ist Samstag, der 10. Juni 2006. So recht traue ich mich nicht ins Wasser. In Frankfurt am Main steht es im WM-Gruppenspiel zwischen England und Paraguay, nach einem Eigentor von Carlos Gamarra in der dritten Minute, schon sehr früh 1-0 für die Briten. Das Fußball-Magazin Kicker spricht von einem „Blitzstart“. Im Südosten der spanischen Urlaubsinsel ziehen jetzt Gewitterwolken auf. Der singapurische Schiedsrichter Shamsul Maidin wird in weniger als zwei Stunden die bis zum Schluß torlose Begegnung zwischen Trinidad/Tobago und Schweden anpfeifen. Vom Ausflug zurück, stehe ich später in der Schlange des Supermarktes unseres Ortes und erkenne auf den Ausstellungsfernsehern der kleinen Elektro-Abteilung, die sich neben den Kassen befindet, an der Form der Schattenbildungen auf dem Rasen, das Spielfeld des Stadions meines Vereins. Den peinlichen Zwischenstand der Begegnung verraten die Ziffern am oberen Bildrand. Während der kurzen Fahrt vom Supermarkt zurück zur Wohnung wird kein Tor mehr fallen. Die Mannschaft des Karibik-Staates feiert nach Shamsul Maidins Schlußpfiff das Remis des ersten WM-Spieles in der Geschichte ihres Landes „wie einen Sieg“.

Montag, 30. Juni 2008

Die einzige Bewegung

„Gegen Abend erscholl in der Gegend eine süße Musik, und nun setzte er sich in das frische Gras hinter einem Busche und weinte und schluchzte; es war ihm, als wenn sich der Himmel umgewendet und nun seine Schönheit und paradiesische Seite zum erstenmal herausgekehrt hätte; und doch machte ihn diese Empfindung so unglücklich, unter allen Freuden fühlte er sich so gänzlich verlassen. Die Musik floß wie ein murmelnder Bach durch den stillen Garten, und er sah die Anmut der Fürstin auf den silbernen Wellen hoch einherschwimmen, wie die Wogen der Musik den Saum ihres Gewandes küssen, und wetteiferten, ihr nachzufolgen; gleich einer Morgenröte schien sie in die dämmernde Nacht hinein, und die Sterne standen in ihrem Laufe still, die Bäume hielten sich ruhig und die Winde schwiegen; die Musik war jetzt die einzige Bewegung, das einzige Leben in der Natur, und alle Töne schlüpften so süß über die Grasspitzen und durch die Baumwipfel hin, als wenn sie die schlafende Liebe suchten und sie nicht wecken wollten, als wenn sie, so wie der weinende Jüngling, zitterten, bemerkt zu werden.“

Ludwig Tieck, Die schöne Magelone, Werke Bd. II, München 1978, S. 123